Konichiwa – Von Tokio nach Lübtheen

Published On 18. November 2014 » 745 Views»
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Shun & Trainer Jens-Peter Sievertsen

von Claudia Wegener

Flache Landschaften mit Kühen auf der Weide, ein goldenes Märchenschloss und jede Menge Sportsgeist – das sind die präsentesten Erinnerungen, von denen „Shun“ seiner Familien und vielen Freunden in der Heimat vom Besuch in Deutschland als Erstes erzählt. Der 31-jährige Japaner Shunsuke Nagoya verbrachte seinen halben Jahresurlaub (fünf Tage) im schönen Norddeutschland. Neben ausgiebigen Sightseeingtouren war der momentan in Tokio wohnende und aus Niigata stammende Shun vor allem zum Ringen nach Lübtheen gereist.

DSC_4172Denn vor vier Jahren habe Shun mit den Ringen in der Toshima Amateur Wrestling Association in Tokio mit dem Sport begonnen. Ringen sei auch in Japan eine Randsportart, berichtete er. Judo sei viel bekannter und habe in seinem Heimatland eine lange Tradition. Doch als er zum ersten Mal auf der Ringermatte stand, sei er sofort begeistert von der Sportart gewesen und ist bis dato fasziniert von diesem Sport. Beim Ringen sind gleichermaßen Körper und Geist gefragt, dieser Mix aus Kraft- und Mentaltraining fasziniert mich und meine japanische Kultur. Es gibt zwar keine Profiliga in Japan, aber der Bekanntheitsgrad für diesen Sport stieg in den letzten Jahren stark an. Das liege vor allem an Saori Yoshida, der dreifachen Olympiasiegerin und zwölffachen Weltmeisterin in der Gewichtsklasse bis 55kg. Ihre Kämpfe werden immer im TV übertragen, erzählt uns Shun während seines Besuchs.

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Saori Yoshida

Als seine Reise nach Deutschland feststand, durchforstete er das Internet nach Vereinen, um nach möglichen Kooperationen zu bitten. Schnell wurde er auf der Homepage des RV Lübtheens fündig. Die Seite wirkte sehr professionell auf mich, so schrieb ich Robert einfach mal an und erhielt prompt eine nette Mail zurück, berichtete Shun über einen ersten Kontakt zum RVL.

Einige Mails später stand fest, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte wird ein Japaner die Lindenstadt besuchen, um Land und Sport zu „studieren“, wie Shun es nennt. Ich hatte Lust, einmal ganz alleine und selbst organisiert zu reisen sowie Land und Leute kennenzulernen, beschreibt Shun den Grund seines Aufenthalts. Deutschland wurde mir von vielen Freunden und Kollegen, Shun arbeitet für ein großes Handels- und Logistikunternehmen, empfohlen. Ich wollte unbedingt einmal ICE fahren und den großen Hafen in Hamburg sehen.

DSC_4193Nach einer zwanzigstündigen Anreise und Zwischenstopps in Frankfurt und Köln begrüßten wir Shunsuke am Bahnhof von Hamburg. Zeit zum Ausruhen blieb jedoch nicht. Nach dem Mittagessen (Bratwurst, Stampfkartoffeln und Sauerkraut) und einer kleinen Stadtrundfahrt stand das erste Training beim SC Roland Hamburg auf dem Programm, dem wir im Nachhinein für diese Möglichkeit noch einmal herzlich danken. Shun war beeindruckt von der Vielzahl an Ringern in der Halle und dessen Professionalität. In dem Zuge lernte er u. a. Thomas Tonn, Peter Groß und Mitko Asenov kennen, die für den RVL in der Oberliga und in der zweiten Bundesliga starten. Gerade Mitko Asenov ringt souverän und auf sportlichem Höchstniveau eine erfolgreiche Saison und ließ es sich nicht nehmen, Shun nach Trainingsende auf ein Weizenbier einzuladen. Shun staunte nicht schlecht, wie groß die Gläser in Deutschland sein können.

Am nächsten Tag ging es zunächst kreuz und quer durch Hamburg, um sich ausgiebig die Stadt anzusehen. Am Nachmittag fuhr er mit Claudia und Robert, bei denen er während seines Aufenthalts auch wohnte, nach Lübtheen. Das Training in Lübtheen war sehr familiär. Ich wurde von allen herzlich begrüßt und freundlich empfangen. Was mein Wissen sehr bereicherte, waren die Informationen und das Ausprobieren von den verschiedensten Techniken des Freistilringens. Das grundlegende Verhalten über Angriff- und Verteidigungstechniken ist in Japan und Deutschland sehr ähnlich, doch das sogenannte „Ausheben“ hat mich sehr fasziniert, schwärmt Shun im Nachhinein. Die deutschen Ringer machen sehr viel über Kraft, das ist in Japan anders, die heben zum Beispiel nicht so viel aus. In Lübtheen habe ich das „Ausheben“ DSC_4312ausprobieren dürfen und viel über diese Technik gelernt. Wenn möglich, möchte ich mehr über diese Technik erfahren und mich in diesem Bereich weiterentwickeln, hat sich Shun fest vorgenommen.

Nach einem ausgiebigen typisch deutschen Frühstück machte sich die Reisegruppe „Nagoya“ auf nach Schwerin. Schon von Weitem stach die goldene Kuppel des Schweriner Schlosses Shunsuke entgegen. Über die immense Größe, den guten Zustand und über das herrschaftliche Flair staunte er. Wir haben viele schöne Tempelanlagen in Japan, abeDSC_4274r so ein riesiges Schloss habe ich noch nicht gesehen. Es sei außerdem noch viel schöner als das Schloss Neuschwanstein, das er von Bildern kenne, erzählte Shun. Nach einem interessanten Rundgang, unzähligen Fotos später und einem Zwischenstopp im Dönerimbiss, heutzutage auch schon typisch deutsch, stand als eines seiner Höhepunkte der kurzen, aber intensiven Rundreise noch der Besuch des Heimkampfes des Ringervereins Lübtheen auf dem Programm.

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Shun nach dem gemeinsamen Training mit der Lübtheener Trainingsgruppe

Was mir an Lübtheen besonders gut gefiel, war nicht nur das Ringerteam, sondern auch die ausgelassene und positive Stimmung der Leute untereinander. Die Lübtheener sind mir gegenüber sehr herzlich und offen gewesen. Ich bin mir sicher, dass der Sport viele Menschen zusammenbringt und viele Unterstützer in der Stadt hat. Die Atmosphäre in der Halle war beispiellos. Es sei bemerkenswert, wie viele Zuschauer den Ringkampfsport interessiert und lautstark würdigen, fiel Shunsuke auf. Ganz beeindruckt war ich vom Kampf von Herrn Nowak, der mit knapp 75kg Gewicht für einen verletzten Kollegen einsprang, eine Klasse höher antrat und seinen viel schwereren Gegner bezwang, so Shun weiter. Er zeigte einen ganz starken und interessanten Kampf. Von Ihm und seiner Technik kann man viel lernen, so was habe ich noch nicht gesehen. Ich saß in der ersten Reihe und habe auch viele Kämpfe mitgefilmt, um in meinem Heimatverein von meinen Erfahrungen zu berichten.

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Atanas Kolev im Gespräch mit Shunsuke

Der RV Lübtheen ist der einzige Verein in Norddeutschland, der so erfolgreich in der Bundesliga mitkämpft. Das Ziel des jungen Japaners, sportlich besser zu werden und durch den Sport nette Bekanntschaften zu machen, hat sich mit seinem Aufenthalt in unserer Heimat voll erfüllt. Mit vielen Eindrücken und positiven Erlebnissen im Gepäck ist er nun zurück in Japan, bedankt sich auf diesem Wege für die unvergesslichen Tage und wünscht dem RVL für die noch ausstehenden Kämpfe in der laufenden Saison viel Erfolg und dass die Siegesserie weiter anhält.

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